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  • Nicole Eibler

24 Stunden Burgenland extrem


24 Stunden ….120 km um den Neusiedlersee…..Jänner…..Minusgrade….Meistens eisiger Wind…Eine Challenge!

Gehört habe ich davon das erste Mal von einer ganz lieben Kundin, die jahrelang im Pannoneum, der Tourismusschule in Neusiedl am See, unterrichtete. Sie war eine der vielen Freiwilligen, die den armen, durchfrorenen Geschöpfen Tee und Suppe ausschenkte. Jedes Jahr berichtete sie von völlig erschöpften Menschen, mit von Blasen übersäaten Füßen, die meist gegen Mitternacht in Neusiedl eintrafen. Ich hörte Geschichten von eisigen Stürmen, die dir stundenlang ins Gesicht peitschen, und Temperaturen weit unter 0 Grad. Jedes Mal dachte ich mir, 120 km gehen, das kann ich mir schon vorstellen. Aber warum bitte sehr muss das im Jänner sein, wenn das Wetter eher zum daheim verkriechen einlädt, als zum durch die Gegend marschieren? Da bring ich mich und meinen Körper einfach nur um…Ich bin gemacht für Sommer und nicht für diesen Wahnsinn!

Doch im Hinterkopf hab ich mir immer wieder gedacht, spannend wäre es ja schon. Aber zumindest kein Wind sollte gehen. Doch so wie bei jedem anderen Wettbewerb auch, muss man sich natürlich anmelden. Dafür gibt es Fristen die ich jedes Mal verpasse. So auch wieder dieses Jahr.

Jetzt hatte sich aber ein guter Freund, Leo, entschlossen mitzugehen und berichtete immer wieder über die Vorbereitungen…Trainingsmärsche…wochenlang kein Alkohol…und allgemeine Verbesserung der Grundfitness…Gehe ich mit oder ohne Stecken?... Nicht übertrieben aber doch fokussiert.

Dann Donnerstag mittag ein Anruf von Leo. Du, uns ist einer ausgefallen, magst mitgehen. Wetter ist optimal, Temperaturen leicht im Plusbereich und kein Wind und Regen. Wir starten um 4.30 Uhr in der Früh.

Kurz überlegt, ich hab noch 6 Stunden zum Vorbereiten.

Ja, passt, ich geh mit.

Schnell noch eine Wanderhose gekauft, mir einen Blasenpflastervorrat zugelegt, meine geliebten Cantuccini, das sind gute Energielieferanten, gebacken, Rucksack gepackt (Gott war der schwer), am Abend noch zum Essen mit den anderen Teilnehmern getroffen und schon läutete der Wecker.

2:50 Uhr….eine Zeit wo jeder normal Sterbliche im Bett liegt, außer man ist am Feiern. Ich war aber voll motiviert. Fast schon ein wenig aufgeregt. Mein Plan war, das ich zumindestens 60 km schaffen wollte. Das wäre die halbe Strecke, wo erfahrungsgemäß auch die meisten aufhörten. Alles weitere, ein Bonus. Als Schuhwerk hatte ich meine Laufschuhe gewählt, wo ich vor kurzem erst eine stoßdämpfende Sohle eingelegt hatte. In erster Linie aber nahm ich sie, weil ich mir mit ihnen die wenigsten Blasen erwartete. Sockentechnisch hörte ich (Gott sei Dank) auf die Erfahrungen meines Freundes. Zieh dir die Socken schon am Vorabend an, und erst wieder aus, wenn du zu Hause unter der Dusche stehst. Mein erster Gedanke…IIIIIhhhh, das stinkt! Nur, dachte ich mir dann- stinken tu ma alle, also wurscht. Goldrichtige Entscheidung, denn eines vorweg, ich hatte am Ende keine einzige Blase!

Bald war ich mit der restlichen Truppe vereint in Oggau. Um 4.30 Uhr, der Startschuss, und los ging es.

Gleich beim Start kam ich mit einer Steirerin ins Gespräch. Marion und ich kamen sehr bald drauf, das wir einerseits ein ähnliches Tempo hatten, und uns nebenbei sehr viel zu erzählen wussten. Wenn man nun weiß, das man die nächsten, vorrausichtlich 24 Stunden, unterwegs sein würde, 2 sehr wichtige Komponenten. Wir entschieden uns eher langsam das Ganze anzugehen. Vollkommen unnötig am Anfang schon sämtliche Energien rauszupulvern. Durch meine Erfahrung mit Marathon Training und Halb Triathlon wusste ich schon, wie wichtig es war, seine Kräfte sehr weise einzuteilen. Und so gingen wir dann mal los.

Anfangs hatte ich ja keine Ahnung wie viele Teilnehmer dabei waren. Ich hab zwar gehört über 3000, aber das ist nur eine Zahl, nichts was man sich wirklich vorstellen kann. Als wir dann Oggau verließen, um uns herum noch die Dunkelheit der Nacht, und auf einmal eine kilometerlange Lichterschlange sich durch die Landschaft schlängelte, da wurde mir erst bewusst welche Ausmaße dieses Event hatte. Ein fast mysthischer Anblick…Tausende Menschen, aller Alterstufen, Profisportler, Amateure und einfach Menschen die sich gerne bewegen, alle unterwegs um 120 km lang rund um den Neusiedlersee zu wandern, walken oder laufen. Und man selber ein Teil davon. Allein da wusste ich schon, dass ich gewonnen hatte. Nur das mitmachen, die Herausforderung annehmen, war das was zählt.

Und genau diese Einstellung wurde auch von jedem der mitmachte, oder als freiwilliger Helfer im Einsatz war, transportiert. Es gab keine Zeitwertung, keinen Sieger, Ersten oder Letzten… Jeder geht so lange und so weit wie es für Ihn passt. Eigentlich eine schöne Einstellung. Endlich einmal kein Wettbewerb, kein höher, schneller, weiter als der Nachbar. Einfach nur gehen.

Dann bekam auch das Wort ZEIT eine andere Bedeutung. Wenn einem bewusst wird, das man noch viele Stunden unterwegs sein würde, ist es auf einmal vollkommen egal wie spät es ist, oder wie schnell man ist. Wichtig wurde auf einmal nur, wie geht es mir und meinem Körper. Was brauche ich JETZT. Wann soll ich etwas essen oder trinken. Genug um ja nicht zu unterzuckern, und so wenig wie möglich, damit der Körper nicht mit zuviel verdauen belastet ist. Regelmäßig trinken, eine kurze Pause machen wenn es notwendig war… und das schönste überhaupt… KEIN STRESS MEHR! Nicht tausend Dinge multi-tasking mässig gleichzeitig machen, mit dem Kopf nie im Moment, sondern immer schon bei der nächsten Aufgabe. Alles weg. Die einzige Aufgabe, gehen und schauen das es dem Körper gut geht.

So vergingen die ersten Stunden. Irgendwann wurde es hell, die Massen teilten sich ein wenig auf und nach ca. 30 km, irgendwo in Ungarn, die erste Labestation. Hurra, Tee und Striezel , einfach nur herrlich. Lang aufhalten wollten ich und Marion uns aber nicht, und so ging es nach einigen Minuten auch schon weiter.

Viele Gespräche über Gott und die Welt folgten, dazwischen einfach nur die Landschaft genießen. Sich über die wirklich wichtigen Kleinigkeiten des Lebens freuen:

1. Nicht kalt,

2. Kein Wind,

3. Weder Durst noch Hunger und

4. Noch keine Blasen an den Füßen

Dazwischen kurze, freundlich Gespräche mit anderen Teilnehmern. Lustigerweise traf man immer wieder dieselben Leute, und oft half ein kleines Lächeln über eine kleine Durststrecke hinweg.

Denn um eines klar zu machen… JEDER hat irgendwann Schmerzen! Die einen Blasen an den Füßen, die nächsten Probleme mit Magen/Darm, andere mit den Gelenken. Bei mir machte sich nach ca. 40-50 km mein Sprunggelenk bemerkbar. Gott sei Dank habe ich mich spontan in der Früh entschlossen, meine Stecken mitzunehmen, die halfen enorm die Belastung ein wenig zu reduzieren.

Und das ist wieder so ein Lernprozess, den man mitnehmen kann ins restliche Leben.

Wie gehe ich mit Rückschlägen/Schwierigkeiten um?

Weil die kommen mit Sicherheit!

Aber mit Ausdauer und Gelassenheit gehen sie auch wieder weg. Und irgendwann kommt so ein Rythmus…Schmerzen, durchbeißen, und dann Euphorie, unglaubliche Freude und Dankbarkeit weitermachen zu können, weniger Schmerzen zu haben…

Die Stunden vergingen wie im Fluge. Auf einmal kamen wir wieder zur österreichischen Grenze, dann noch eine ewig lange Gerade bis Apetlon. Da war der Hunger schon groß, und wir beschlossen dort eine etwas längere Pause zu machen. Es war Halbzeit an Kilometern, und die Uhr zeigte kurz nach 17 Uhr. Voller Freude ins Gasthaus und dann eine kleine Ernüchterung. Wenn das einzige Essen das ausgegeben wurde, Würstel mit Semmel war, ist das für ausgehungerte Vegetarier eine kleine Katastrophe. Also mussten wir mit Buttersemmel und dem Rest unserer Vorräte vorlieb nehmen, kurz die Füße hochlagern, warmes Gewand anziehen und schon ging es weiter.

Mittlerweile traf man nur noch wenige Leute. Es war wieder dunkel geworden und mein Knöchel schmerzte. Da entschied ich mich doch eine schmerzstillende Tablette zu nehmen. Im Kopf war ich nach wie vor motiviert, fröhlich und bei der Sache. Aufgeben kam für mich nicht in Frage. Dazwischen kam auch immer wieder ein Anruf meines Freundes, ein nettes Wort, ein „Du schaffst das“ kann einem manchmal die Welt geben.

Bald durchquerten wir Illmitz und ich wusste, jetzt kommt ein Abschnitt den ich gut kenne. Trotzdem schaut in der Nacht, im Finsteren, alles anders aus. Dann, kurz vor der Hölle (das ist ein Wegabschnitt zwischen Illmitz und Podersdorf, bekannt auch durch einen hervorragenden Heurigen) machten sich die Darmprobleme von Marion immer häufiger bemerkbar. Und irgendwann musste sie alle paar Schritte stehen bleiben, da sich ihr gesamter Unterleib zusammenkrampfte. Was anfangs tolerierbar war, wurde nicht mehr tragbar. Und jetzt ein RIESEN Lob an die Organisation. Jeder Teilnehmer hat die Nummer einer Hotline bekommen, die wir jederzeit bei Problemen anrufen konnten. Gesagt, getan, innerhalb weniger Minuten (!) war ein Auto zur Stelle, welches Sie zur nächsten Labestation brachte. Von dort gingen dann regelmäßig Busse zurück nach Oggau.

Wie ich wusste, das Marion gut versorgt war, entschied ich mich noch weiter zu gehen. Ich hatte gerade eine gute Phase, genoss das Wandern in der Dunkelheit, freute mich über die Stille und die Nebelschwaden, die über die kleinen Seen streiften… Einer dieser Momente wo einfach alles passte. Ich wollte nicht einmal Musik hören. Und so vergingen weitere 1 ½ Stunden bis ich zur nächsten Raststation in Podersdorf gelangte. Mittlerweile war ich dann doch schon ein wenig müde, es war ja schon kurz vor 22 Uhr.

Doch im Kopf immer noch motiviert.

2 Stunden noch, dann bin ich zu Hause.

Ich brauch keinen Shuttlebus, nein, ich könnte jetzt original nach Hause wandern!

Das waren meine Gedanken.

Bei einem Tee traf ich zufälligerweise einen Bekannten, und nach einem kurzen Plausch die Entscheidung.

Ich geh weiter.

Genau in diesem Moment kam auch der Bus, in den ich sofort hätte einsteigen können…

Nein, jetzt kommt die wirkliche Haus und Hof Strecke, wo ich jeden Baum, jedes verdammte Schilfrohr kenne. Also, Kopfhörer ins Ohr und die nächsten 2 Stunden unterhielt mich ein Hörbuch von Dan Brown. Jetzt merkte ich dann doch, das die Schmerzen im Sprunggelenk immer größer wurden, jeder Schritt ein wenig beschwerlicher. Und doch im Kopf dieser Satz: Ich geh nach Hause, Ich schaffe das! Durch Weiden durch und die letzten Kilometer nach Neusiedl. Dann endlich, das Ortsschild.

Mittlerweile schmerzte jeder Schritt und ich fühlte mich eigentlich ziemlich mies…Aber jetzt waren es wirklich nur noch 2 Kilometer… Nichts gegen die vorangegangenen 83. Dann endlich, mein Wohnblock, meine Wohnung. Daheim. Geschafft. Unendlich Stolz und unendlich Müde. Übelkeit. Erhöhte Temperatur. Ein kurzes Bad und dann ab ins Bett. Tot. Aber glücklich.

EPILOG:

Am nächsten Tag hatte ich immer noch leichtes Fieber, eine Sehnenscheidenentzündung im Fuß und jetzt, 2 Wochen später, spüre ich nach wie vor mein Sprunggelenk. Aber es heilt. Die Erfahrung, unbezahlbar. Würde ich es wieder machen? Jederzeit! Nur andere Schuhe würde ich nehmen!


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